PFARRFRAUENDIENST IN WÜRTTEMBERG

Die Vorgeschichte

1916 entsteht der Pfarrfrauenbund in Schlesien. Die Kommunikation geschieht meistens in der Form von Rundbriefen, vor allem auch während des Kriegs. Die Mitgliedsbeiträge werden ursprünglich zur gegenseitigen Unterstützung in Notsituationen verwendet. In dieser vom Krieg bestimmten Zeit entstehen auch Gebetskreise.

 

Die formelle Regelung des Pfarrfrauenbundes in der EKD gilt bis heute: mit dem Beitritt ist auch der Mitgliedsbeitrag verbunden. Der Pfarrfrauenbund ist  heute in fast allen Landeskirchen vertreten.  Das jährliche Treffen des Pfarrfrauenbundes in Württemberg findet in Stuttgart statt.

 

In Württemberg wird eine enge und vertrauensvolle Kooperation mit dem  Pfarrfrauendienst gepflegt. So wird die gegenseitige Einladung (auch auf EKD-Ebene) zu den Zusammenkünften ausgesprochen.

Die Entstehung der Arbeitsgemeinschaft

Während des 2.Weltkriegs bildet sich im Rheinland die erste Gruppe des  Pfarrfrauendienstes mit dem Vorsatz „gegenseitig sich zu dienen“.

1970: in Württemberg entwickeln einige Frauen (Ehefrauen von Pfarrern und Frauen aus der Frauenarbeit) innerhalb der Frauenarbeit ein eigenes Angebot für Pfarrfrauen, da deutlich wird, dass Ehefrauen von Pfarrern in ihrer spezifischen Situation beachtet und begleitet werden sollten: der Beruf ragt wie kaum ein anderer in das Privatleben herein und die Familie braucht ein hohes Maß an Identifikation mit dem Leben im Pfarrhaus.


Irmgard Lubkoll bringt aus Bremen Erfahrungen des dort bereits bestehenden Pfarrfrauendienstes mit. Der Pfarrfrauendienst versteht sich von Anfang an als „Arbeitsgemeinschaft von Pfarrfrauen für Pfarrfrauen“.

 

Die  „Gründungsfrauen“ des PD in Württemberg sind u.a. Anno Bausch, Elisabeth Brezger, Elfriede Hahn, Irmgard Lubkoll und Dorothea Wiedmann, die als Theologin bei der Frauenarbeit das Entstehen des Pfarrfrauendienstes begleitet.
 
Um sich über Erwartungen der Zielgruppe zu informieren, verschickt die Gruppe im Jahr 1971 an alle Pfarrfrauen der Landeskirche 2200 Fragebögen mit der Frage „Was ist wichtig für Pfarrfrauen?“


Die Antworten zeigen, welche Bedürfnisse bei den Frauen bestehen: Sie halten es für wichtig und wünschenswert, sich gegenseitig kennen zu lernen, sich über berufsspezifische und das Leben im Pfarrhaus betreffende Probleme auszutauschen, sich gegenseitig zu stärken und Möglichkeiten zu erhalten, „den Horizont zu erweitern“ (so Irmgard Lubkoll).

Die Kirchenleitung, vertreten durch OKR Gottschick und OKR Dummler,
war offen für die Anfrage zur Finanzierung eines Angebots für Ehefrauen von Pfarrern. Der erste Schritt der Initiatorinnen war, Seminare anzubieten, in denen Frauen befähigt werden sollten, eigenständig Tagungen zu initiieren.

Die Mitarbeiterinnen dieser Seminare waren die Pfarrfrauen Karin Daur, Bärbel Lempp, Annemei Renz, Erika Stöffler, Dr.Gertrud Schüle und Edith Schindelhauer aus der Ev. Frauenarbeit.

 

Angebote für Ehefrauen von Pfarrern entstehen

Vielerlei Formen des Zusammenseins und der Fortbildung entwickeln sich:
Seminare auf Bezirksebene, Seelsorge- und Einzelgesprächsangebote, die Retraite (in Grandchamp), Studientagungen, Wochenendtagungen, Regionaltage werden angeboten. Die Durchführung der Tagungen und Seminare ist geregelt:
jede Frau, die für eine Tagung oder ein Angebot verantwortlich ist, sucht Frauen für ihr Team und lädt zur Mitarbeit ein.
Nach der Konstituierung um 1971 wird die Anbindung des Pfarrfrauen-dienstes in Württemberg an den Pfarrfrauendienst in der EKD vollzogen.
Irmgard Lubkoll ist für einige Jahre sowohl die Vorsitzende des Pfarrfrauendienstes in Württemberg als auch die Vorsitzende des EKD-Pfarrfrauendienstes.
Sie betont in ihrem Rückblick, dass die Arbeit des Pfarrfrauendienstes in der Vielfalt der Angebote nur möglich war aufgrund der Offenheit, mit der
die Kirchenleitung den Anliegen der Pfarrfrauen begegnete und genügend finanziellen Zuschuss für die Angebote des Pfarrfrauendienstes zur Verfügung stellte.
In den ersten Jahren nach der Gründung des Pfarrfrauendienstes in Württemberg wurde jährlich ein “Brief an die Pfarrfrau“ verfasst, in dem aktuell über Themen informiert wurde, die das Pfarrhaus betraf. Vor allem wurden darin die Angebote für die Pfarrfrauen bekannt gemacht.

Seit 1980 findet das regelmäßige Gespräch mit dem Kollegium der Kirchenleitung statt.
(ca. alle 2 Jahre)
Die Kirchenleitung: der Landesbischof, die Oberkirchenräte / Oberkirchenrätinnen, die Prälatin/ die Prälaten.
Die Arbeitsgemeinschaft vertritt vor dem Kollegium des OKR die Belange der Pfarrfrauen.
Ein Überblick zu den Gesprächsthemen Themen steht am Ende dieses Textes.

Entwicklungen

Seelsorge für Seelsorger
Bei dem „Pfarrfrauentag“ 1977, zu dem alle Pfarrfrauen aus Württemberg eingeladen waren, wird von den Teilnehmerinnen die nachdrückliche Forderung an die Kirchenleitung gestellt, Seelsorge für den Seelsorger anzubieten.
Dank dieses Impulses entstand der Seelsorgeausschuss, der bis heute
vom Pfarrverein verantwortlich und finanziell getragen wird.

Die Berufstätigkeit von Pfarrfrauen
Im Blick auf die eigene Berufstätigkeit von Frauen formulieren einige Pfarrfrauen ein Papier zur Teilzeitarbeit im Pfarramt.
Dieses Papier wird 1978 dem Personaldezernenten vorgelegt, der es wohlwollend kommentiert. Er sieht jedoch zu dieser Zeit keinerlei Chancen für eine Möglichkeit, im Pfarramt in Teilzeit zu arbeiten.

Rollenerwartungen
1983 arbeitet Dr. Gertrud Schüle, die damalige Vorsitzende des Pfarrfrauendienstes an der Broschüre der Landeskirche “Theologie  studieren – Pfarrer werden“ mit. Angesichts der langen Tradition des Pfarrhauses und den daraus entstandenen Erwartungen werden Fragen des Rollenverständnisses immer drängender gestellt. Auch die Rolle der Ehefrau des Pfarrers ist neu zu bedenken und muss in der veränderten gesellschaftlichen Situation neu gefunden werden.


1984 werden einige Wochenendtagungen für Theologiestudierende in  Zusammenarbeit des Pfarrfrauendienstes mit dem Institut für praktische Theologie in Tübingen angeboten. Die Frage nach dem Rollenverständnis des Pfarrers / der Ehefrau des Pfarrers und an die Erwartungen an das Leben im Pfarrhaus bzw. im Pfarrberuf kann in diesen Tagungen in geschütztem Rahmen bedacht und diskutiert werden.

Ehekrise im Pfarrhaus            
Ehekrisen auch im Pfarrhaus werden in dieser Zeit mehr und mehr öffentlich – die Trennungen und Scheidungen werden nicht mehr tabuisiert. Gerade die Pfarrfrauen benennen die problematischen Situationen in der Ehe und die mitunter dramatischen Entwicklungen. So entsteht 1986 innerhalb des Pfarrfrauendienstes die Selbsthilfegruppe „Württembergischer Wohnzimmertreff“ (WWT) durch die Initiative von Irmgard Lubkoll und Elisabeth Schweizer, damals Pfarrerin z.A. an der Evang. Akademie Bad Boll.
Die Gruppe gibt 1989 zum ersten Mal das inzwischen mehrfach überarbeitete Merkblatt „Ehekrise, Trennung und  Scheidung im Pfarrhaus“ heraus. Darin wird über juristische und existentiell wichtige Punkte informiert. Auch auf einen - finanziell begrenzten - juristischen Beistand, der durch die Kirchenleitung zugesagt ist, wird hingewiesen. Pfarrfrauendienste aus anderen Landeskirchen übernehmen die Vorlage.

Die Unterstützung durch den Pfarrverein
Die Pfarrverein stellt für verschiedene Angeboten Finanzierungshilfen zur Verfügung, z. B. für die Tagung der Witwen von Pfarrern.
Der Austausch mit dem Vorstand des Pfarrvereins findet regelmäßig statt.

 

Die Organisation des Pfarrfrauendienstes

1986 erarbeiten Mitarbeiterinnen des PD „Richtlinien“, die Beschreibung der ehrenamtlichen Arbeit des PD und der Rahmenbedingungen. Auch wird beschlossen, dass die Vorsitzende und ihre Stellvertreterin künftig gewählt werden.

1997 wird Marie-Luise Buchholz zur Vorsitzenden des PD gewählt. Sie beteiligt sich im Auftrag des „Pfarrfrauendienstes in der EKD“ an der Stellungnahme innerhalb einer Studie des „Vereins der Pfarrerinnen und Pfarrer in der EKD“ zur Situation im Pfarrberuf .


2008 wird Christine Scheiberg zur Vorsitzenden des PD gewählt.

Angebote verändern sich

2001 feiert der PD das Fest „30 Jahre Pfarrfrauendienst in Württemberg“. Mit der Einladung wird ein Fragebogen verschickt. Auf die Anregungen der Pfarrfrauen hin und entsprechend den aktuellen Formen der Fortbildung werden die bestehenden Angebote modifiziert bzw. kommen neue Angebote hinzu, z.B. Regionaltage, die Tagung mit meditativem Tanz, die Tagung mit konzentrativer Bewegungstherapie, die gemeinsame Tagung mit dem Pfarrfrauendienst in Thüringen, die Tagung für Ehefrauen von Vikaren, die Tagung für Ehefrauen von Pfarrern vor und nach dem Beginn des Ruhestandes.

In den folgenden Jahren differenzieren sich die Zielgruppen und Tagungsformen immer mehr aus. So entstehen neu: die Tagung für Ehefrauen von Pfarrern z.A. und jungen Pfarrern (die Kinder sind ausdrücklich mit eingeladen und werden betreut!); die Tagung für Pfarrfamilien dank der Initiative durch die Arbeitsgemeinschaft der Ehemänner von Pfarrerinnen, die diese Tagung auch plant und durchführt; die Wander- und Kulturtage; die Tagung mit Elementen des Pilgerns.

Allen Angeboten ist gemeinsam - auch bei großer Verschiedenheit der Themen und Methoden – dass in ihnen immer religiöse Elemente zur Stärkung und Begleitung eingebunden sind.


Im Oktober 2010                      Marie-Luise Buchholz

 

 

 

Themen der Gespräche mit dem OKR seit 1982

Die Themen der seit 1982 regelmäßig stattfindenden Gespräche mit der Kirchenleitung (s.o.) deuten an, was Ehefrauen von Pfarrern und die Pfarrfamilien im Lauf der vergangenen Jahre bewegt hat.

 

Die Übersicht

 

1982   

  • in der  Stellen-Ausschreibung in aub sollen keine Erwartungen an die Pfarrfrau    ausgesprochen werden
  • bei Vorstellungs- bzw Bewerbungsgesprächen soll die Pfarrfrau nicht auf Mitarbeit in der Gemeinde festgelegt werden
  • Ehe im Pfarrhaus - ihre Chancen und Belastungen            

1985        

  • Berufstätigkeit der Pfarrfrau
  • Seelsorge an der Pfarrfamilie
  • freie Zeit für Pfarrersehepaare
  • Rechtsberatung für Frauen in der Zeit der Scheidung
  • Seelsorge und Gesprächsangebot für Pfarrfrauen

1991

  • Arbeit mit geschiedenen und in Scheidung lebenden Ehefrauen von Pfarrern 
  • Wohnen im Pfarrhaus “ - zwischen privatem Refugium und einer Begegnungsstätte - verknüpft mit der Frage: „Hält die Landeskirche an ihrer seitherigen Auffassung über das Pfarrhaus fest?“
  • die Berufstätigkeit von Pfarrfrauen
  • Stellenausschreibungen sollen ohne die Forderung an die Pfarrfrauen, in der  Gemeinde mitzuarbeiten, formuliert werden.

1993

  • Altersversorgung der Pfarrwitwen -  „Gerechte Witwenversorgung“- ? Grund der Anfrage: die Ehefrau erhält als Witwe nur 60 % von der Pension des Ehemannes (das sind ca  45 % des Endgehaltes) –  sie hat jedoch als Pfarrfrau meist jahrelang in der Gemeinde unentgeltlich mitgearbeitet und auf eine eigene Berufstätigkeit verzichtet. Deshalb wird die seither gültige Regelung der Witwenpension als Ungleichbehandlung verstanden. Die Forderung der Pfarrfrauendienstes an die Kirchenleitung ist, Vorreiterin zu sein für eine gerechtere Rentenberechnung (der EKD-Pfarrfrauendienst nimmt die Forderung 1996 in Eisenach offiziell auf)
  • Neubewertung der Pfarrstellen – Folgen

1995        

  • Gerechte Witwenversorgung (siehe 1993)
  • finanzielle Unterstützung der getrennt lebenden  und geschiedenen
  • Ehefrauen von Pfarrern - deren Krankenversorgung
  • Situation der Witwen
  • Situation der Pfarrfamilie, wenn der Ehemann vor der Pensionierung verstirbt
  • Erarbeitung eines Faltblatts für den Todesfall

1997

  • Stellenwechsel: Konflikte
  • Wartestand

1999        

  • „Problemfeld Ehe“

2002

  • „Seelsorge am Personal“ – Möglichkeiten und Grenzen?
  • Anfragen an das Kollegium: „Problemfeld Ehe im Pfarrhaus“ (Anfragen zur Folgeschritten aus der Konsultationsreihe seit 1998), die Jahre vor und nach dem  Beginn des Ruhestands die spezifische Situation der Ehefrauen von Vikaren / Pfarrern z.A.

2003        

  • Stellenbewerbung: die Situation der Pfarrer, die sich auf eine neue Stelle bewerben, hat sich mehr und mehr zugespitzt
  • das Versorgungsänderungsgesetz
  • die Eintrittssperre in der gesetzlichen Krankenversicherung (das neue Gesetz betrifft geschiedene Ehefrauen von Pfarrern, die seither keine eigene Kranken-versicherung hatten)

2006

  • die Berufstätigkeit der Ehefrau des Pfarrers
  • Ehe und „Drucksituationen“ im Pfarrhaus, z. B. Überlastung und der Druck, die Kirche "retten" zu müssen.

2009

  • Die finanzielle Belastung der Pfarrfamilien z.B. durch hohe Heizkosten in schlecht  isolierten Pfarrhäusern
  • Burn-out bei Pfarrern