Eindrücke von der Delegiertentagung des Pfarrfrauendienstes der Evangelischen Kirche in Deutschland

vom 19. – 22. April 2010

 

in der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad, Rothenburg ob der Tauber 

Einmal im Jahr treffen sich die Delegierten der Pfarrfrauendienste aller Gliedkirchen der EKD zu einer Tagung. Sie findet jeweils in einer anderen Landeskirche statt. In diesem Jahr waren 45 Frauen zu Gast bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, in der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad in Rothenburg ob der Tauber.

 

Beate Schoch und ich, Christine Scheiberg haben als Delegierte des Pfarrfrauendienstes in Württemberg an dieser Tagung teilgenommen. 

Ziel dieser Treffen ist der Austausch von Erfahrungen und Informationen aus den einzelnen Landeskirchen. Oft kann zu einer bestimmten Thematik von den Erfahrungen und Aktivitäten anderer Pfarrfrauen-Arbeitsgemeinschaften profitiert werden. Auch die Vernetzung zu Themen in der EKD sind sehr wichtig, wie z.B. das geplante neue EKD - Pfarrerdienstrecht.

 

Im schönen, im Jugendstil erbauten ehemaligen Kurhotel Wildbad direkt an der Tauber fanden die Teilnehmerinnen eine sehr stilvolle Unterkunft. So tagten die Delegierten im aufwändig ausgestalteten Rokkokosaal. Wir konnten uns gut vorstellen, dass früher hier glanzvolle Bälle stattgefunden haben.

 

Gruppenarbeiten in kleiner Runde fanden im Roten Salon oder im Blauen oder Grünen Salon statt (es gab auch noch einen Gelben und Braunen Salon...).

Wir fühlten uns passend zum Thema der Delegiertentagung sehr gut beherber

Leben im Pfarrhaus in unserer Zeit – Gast sein – Gastfrei sein

Das Thema lautete:

Leben im Pfarrhaus in unserer Zeit – Gast sein – Gastfrei sein“

Wir laden ein – und wer kommt?

Wir sind Gäste – nicht bleibend und sesshaft.

Wir haben hier keine bleibende Statt...

Das Pfarrhaus ist uns Herberge auf Zeit – und zugleich bieten wir Gasthaus und Herberge für Suchende und Fragende.

Und doch sind wir beherbergt – geborgen in Gottes Begleitung und Schutz.

Mit diesen Worten hat der Leitungskreis die Thematik der Tagung skizziert.

Gleich bei der Anreise wurden wir am Bahnhof von Vertreterinnen des landeskirchlichen Teams und des Leitungskreises herzlich begrüßt. Unser Gepäck wurde zur Unterkunft transportiert und wir konnten zu Fuß zur Tagungsstätte gehen.

Dort wurden wir auf der schönen Terrasse willkommen geheißen mit einer Schüssel mit frischem Wasser zum Reinigen der Hände und Trauben zur Erfrischung. 

Am Abend fand in der Gruppenarbeit eine Einführung ins Thema statt. Im über-schaubaren Kreis tauschten wir uns über das Thema „Gast sein – Gastfrei sein“ aus. Die einzelnen Frauen lernten sich kennen, indem sie von ihren Erfahrungen berichteten mit geladenen, aber auch ungebetenen Gästen, wie z.B. Durchreisenden. Bemerkenswert war die Idee, Durchreisenden statt des umstrittenen Geldes eine gefüllte Tüte mit haltbaren Produkten eines Lebensmittel-Discounters mitzugegeben. 

 

Bibelarbeit

Der Vormittag des nächsten Tages war gefüllt mit der Bibelarbeit zu Lukas 14,15-24, „Das große Gastmahl“. Die Bibelarbeit hielt Religionspädagogin Petra Schnitzler, die Leiterin des Bibel-Erlebnis-Hauses Nürnberg mit der Methode „Bibliolog“.

 

Hierbei geht es um eine gemeinsame Bibelauslegung aller Teilnehmenden. Ziel des Bibliologs ist es, die Bibel erlebbar und erschließbar zu machen, indem genau hingesehen und hingehört wird. „Zwischen den Zeilen leuchtet das weiße Feuer,“ sagte Frau Schnitzler. Und dieses Feuer lässt sich erfahren, wenn die Gedanken und Gefühle aller Beteiligten, also der Personen im Bibeltext als auch die der Hörenden, zum Ausdruck kommen. Deshalb schlüpfen die Teilnehmenden z.B. in die Rolle des Gastgebers oder des Knechts, der ausgesandt wird, um die Gäste einzuladen, oder in die Rolle, desjenigen, der etwas Wichtigeres zu tun hat oder in die Rolle einer Bettlerin, die vielleicht unsicher ist, wie sie sich bei einem Festmahl benehmen muss.  
Die Leiterin stellt Fragen zum Befinden der Person. Wer möchte, benennt kurze Gedanken, Eindrücke, Gefühle, die von der Leiterin der Bibelarbeit wie in einem Echo wiederholt und zusammengefasst werden.

In der Rolle des Schriftgelehrten z.B. kann einem plötzlich elementar aufgehen, dass die eigene „Rechtschaffenheit“ oder die gesellschaftliche Position nichts damit zu tun hat, ob man beim Hausherrn, bei Gott willkommen ist. Gott macht keine Unter-scheidungen nach unseren Maßstäben. Gott steht für das Überraschende, das Neue, das Umwerfende.

Diese Methode der Bibelarbeit ist ausgesprochen lebendig, die Teilnehmenden sind unmittelbar beteiligt und wach dabei. Es bewegt sich vieles nicht nur auf Verstandes-ebene, sondern es können verschiedene Ebenen angesprochen werden – und ganz wichtig, so Petra Schnitzler – es soll Vergnügen bereit

Gäste

Bei den EKD-Delegiertentreffen werden immer auch Vertreterinnen aus dem benachbarten Ausland eingeladen. So haben zwei ungarische Pfarrfrauen (Szilvia Németh aus Pécs und Z. Ecsedi) aus ihrer jeweiligen Situation in Kirchengemeinde und Landeskirche berichtet, umrahmt von feierlichen ungarischen Gesängen der Kirchenmusikerin und Pfarrfrau Zsuzsanna Ecsedi aus Budapest. Auch die Zuhörerinnen durften sich am ungarischen Text versuchen und mitsingen. 

Aus der Schweiz war die Pfarrfrau Beate Walther-Müller zu Gast, die zu unserer Überraschung in breitestem Schwäbisch sprach. Sie und ihr Mann waren damals, als es in Württemberg nicht für alle Theologiestudierenden einen Vikariatsplatz gab, in die Schweiz übergesiedelt. Sie berichtete von ihrer speziellen Situation in der Schweiz. 

 

Als Gast war auch die Vertreterin des Pfarrfrauenbundes Sabine Achenbach dabei.  

Die Einheiten der Tagung lockerte die Tanzfrau Anita Lutz immer wieder mit schwungvollen oder ruhigen Tänzen zu schöner Musik auf. Sie sorgte mit nachdenkenswerten Texten auch für einen Rahmen am Ende eines Tages.

Der Tag begann jeweils mit einem Morgensegen von Ulrike Sandner oder Gerlinde Gürtler.

Berichte und Themen, die von den Delegierten eingebracht wurden (Auswahl)

  • Die Delegierte der Evangelischen Landeskirche Mitteldeutschlands (EKM) Uta Berger berichtete von einem Treffen der Ehefrauen von Pfarrern, zu dem auch Landesbischöfin Junkermann gekommen war und sich den Pfarrfrauen vorgestellt hat.  Die Pfarrfrauenarbeit der EKM steht vor einem Neubeginn und einer Neustrukturierung seit der Fusion der Landeskirche Thüringen und der Kirchenprovinz Sachsen.  
  • Die Brigitte-Studie 2008/2009 gilt als repräsentative Umfrage zu den Einstellungen junger Frauen hinsichtlich Partnerschaft, Kinder und Beruf. (Diese Studie nimmt z.B. die EKM verstärkt auf.)
  •  Die Studiengruppe „Lebensformen im Pfarrhaus“ des Frauenstudien- und bildungszentrums in der EKD lädt zu einer Fachtagung zum Thema „Pfarrhaus im Wandel“ nach Kassel ein. Dort wird das Ergebnis einer großangelegten Umfrage zu „Lebensformen im Pfarrhaus“ vorgestellt.
  •  Die Unterschriftenaktion des Deutschen Juristinnenbundes gegen das seit 1.1.2008 geltende Unterhaltsrecht: Frauen, die wegen Ehe und Familie keiner eigenen Erwerbstätigkeit nachgegangen sind, werden durch das neue Recht benachteiligt.
  • Die Planungen der EKD, ein einheitliches Pfarrerdienstrecht zu schaffen, das in allen Landeskirchen gelten soll. Dieses neue Pfarrerdienstrecht würde in den einzelnen Gliedkirchen einschneidende Veränderungen mit sich bringen (und gerade in der Evang. Landeskirche in Württemberg möglicherweise gravierende Verschlechterungen).
  • Während der Tagung wurde deutlich, dass das Ausscheiden von Marie-Luise Buchholz, die bis 2008 viele Jahre im Leitungskreis verantwortlich mitgearbeitet hat, ein großer Einschnitt für den Pfarrfrauendienst in der EKD war. Sie hat maßgeblich wesentliche Themen eingebracht und vorangetrieben und stand in Kontakt mit verantwortlichen Stellen auf EKD- und Bundesebene. Eine Delegierte sagte, sie hätten immer einen „Packen Hausaufgaben“ mit in ihre Landeskirche genommen mit wichtigen zu bearbeitenden Themen. 

Neuwahl des Leitungskreises

Bild des neugewählten Leitungskreises

Auf dem diesjährigen Delegiertentreffen stand die Wahl des neuen Leitungskreises an. 8 Kandidatinnen haben sich dankenswerterweise zur Verfügung gestellt, 6 waren zu wählen. 

Für 4 Jahre in den Leitungskreis  wurden gewählt:

 

 

  • Yvonne Böll, Evang. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
  • Gerlinde Gürtler, Pommersche Evang. Kirche
  • Doris Münderlein, Evang.-Luth. Kirche in Bayern
  • Ulrike Sandner, Evang. Kirche im Rheinland
  • Elisabeth Scheffel, Evang. Landeskirche in Baden
  • Dagmar Schmidt, Evang. Kirche in Hessen und Nassau 

Nicht wieder in den Leitungskreis gewählt wurden: Erika Günther, Evangelische Kirche Mitteldeutschlands und Gudrun Wesch, Evangelisch-lutherische Landeskirche Mecklenburgs. 

Wir wünschen dem neuen Leitungskreis Gottes Segen für die gemeinsame Arbeit, Weisheit und Weitblick, Gelassenheit und Hum

Das landeskirchliche Team für Pfarrfrauenarbeit in Bayern

Nach der Wahl ging es in das mittelalterliche Städtchen Rothenburg ob der Tauber. Das landeskirchliche Team von Bayern hatte für die Delegierten eine Stadtführung mit dem Touristenpfarrer Oliver Gußmann organisiert mit anschließendem Kaffee und Kuchen im traditionsreichen „Baumeisterhaus“. 

Traditionell veranstaltet die einladende Landeskirche am letzten Abend ein Fest und so hatte auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern zu einem kulinarischen und musikalischen Genuss in den prachtvollen Rokkokosaal eingeladen. Die Blumendekoration auf den festlich gedeckten Tischen war abgestimmt auf die Farben der Flyer des Teams für Pfarrfrauenarbeit in Bayern und wirkte sehr elegant und edel. 

Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich würdigte in seinem Grußwort das Engagement der Ehefrauen und Familien von Pfarrern als grundlegendes Element kirchlicher Arbeit. 

 

Nach dem sehr guten festlichen Essen kam der große Auftritt des Teams für Pfarrfrauenarbeit in Bayern. In einem Feuerwerk von Ideen, Szenen und Liedern, mit großem schauspielerischem und musikalischem Können stellte das Team einen Querschnitt durch sechs Jahrzehnte Frauengeschichte und Pfarrfrauengeschichte dar, unter dem Motto: „60 Jahre – und kein bisschen leise.“ 

 

Ein kleiner Eindruck:

Alles fing 1948 an, als der damalige bayerische Landesbischof Meiser die Pfarrfrauen aus Dankbarkeit zu zwei Tagen der „Stille, Erholung und des Austausches“ nach Tutzing einlädt... 

 

Eine züchtig gekleidete, schüchterne Pfarrfrau mit Dutt kommt mit ihrem Koffer im Schloss in Tutzing an unter den Klängen des Chores:

 

„Wenn in Tutzing die rote Sonne im See versinkt...“

und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,

zieh’n die Pfarrfrau’n mit ihren Koffern ins Schloss hinein,

denn der Bischof lädt sie zu Tagen der Ruhe ein.

Die Familie bleibt mit dem Vater allein zuhaus’,

die Gemeinde weiß zwei Tage lang nicht ein noch aus!

Und von Haus zu Haus die alte Klag’ erklingt,

hör von fern, wie es klingt:

Bella, bella, bella Marie, bleib uns treu und komm zurück morgen früh!

Bella, bella, bella Marie, vergiß  uns nie!  

 

So geht es weiter durch die Jahrzehnte, die z.B. durch die Friedens- , Öko- und Frauenbewegung geprägt wurden, immer mit einem entsprechenden (Pfarr)Frauenbild und neuen, genialen Texten zu bekannten Melodien aus der jeweiligen Zeit. ( z.B. wandelt sich die Pfarrfrau von der Ökofrau mit Zöpfen zur vielbeschäftigten Business-Frau mit Handy und Laptop). 

 

Den schwungvollen Abschluss und einen Ausblick auf die „fröhlich-professionelle Arbeit“ des bayerischen Teams für Pfarrfrauenarbeit bildete der Song „Ab in die Zukunft....“ (Melodie: der Sommerhit „Ab in den Süden, der Sonne hinterher...“) 

Es war eine sehr gelungene, unterhaltsame Darbietung der bayerischen Frauen mit viel Witz und Esprit.

 

Für viele Frauen klang dieser belebende, fröhliche Abend noch bei einem guten Glas fränkischen Weines aus. Wir spürten, das gemeinsame Feiern ist ebenso wichtig wie das gemeinsame Nachdenken und Arbeiten über ernste Themen. 

Am Abreisetag wurde ein Gottesdienst mit Abendmahl gefeiert, indem die Gemeinschaft und die Verbundenheit untereinander gestärkt wurde und zu spüren war.  

 

Das Geheimnis um den Ort der nächsten Delegiertentagung wird immer erst kurz vor dem Ende der Tagung gelüftet. So hat Annegret Kopkow dann sehr herzlich in die kleine Evangelisch - Lutherische Landeskirche in Braunschweig eingeladen, ins Haus Hessenkopf in Goslar, vom 9. - 12. Mai 2011. 

 

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und sind gespannt auf die Berichte und Erfahrungen seit dem letzten Treffen! 

 

 

Christine Scheiberg